Ausgabe 01-2025 I Nachruf
Nachruf Prof. Dr. med. Heinrich Rudert
München, 1935 - 2024
Mit großer Tauer nehmen wir Abschied von Prof. Dr. med. Heinrich Rudert, einem herausragenden Arzt, Wissenschaftler und Lehrer, der am 5. Juli 1935 in München geboren wurde und am 9. November 2024 ebenfalls in München verstarb. Sein Leben war geprägt von außergewöhnlichem Engagement, tiefem Fachwissen und einer unermüdlichen Leidenschaft für die Weiterentwicklung der Hals-Nasen-Ohrenheilkunde, Kopf- und Halschirurgie.
Nach dem Abitur an der Maristen-Oberrealschule in Mindelheim im Jahr 1953 begann Heinrich Rudert sein Medizinstudium, das ihn nach Erlangen, Bonn und München führte. Mit dem Staatsexamen 1959 und der ein Jahr später in Bonn erlangten Promotion über einen „Beitrag zum primären Hyperparathyreoidismus“ legte er die Grundlagen für eine außergewöhnliche Karriere.
Sein beruflicher Weg führte ihn von der praktischen Tätigkeit in Kliniken wie dem Schorlemmers-Sanatorium in Bad Godesberg und dem Kreiskrankenhaus in Jülich hin zu einer beeindruckenden wissenschaftlichen Laufbahn, für die er sich schon in jungen Jahren begeisterte. Rudert war Schüler von Prof. Alexander Herrmann in München und von Prof. Fritz Wustrow in Köln.
Ruderts wissenschaftliche Schwerpunkte waren die Elektronenmikroskopie und die Histochemie des Innenohres. Entscheidende Meilensteine in seiner akademischen Laufbahn waren seine Habilitation 1968 in München, in der er sich mit „Licht- und elektronenmikroskopischen Untersuchungen zur Resorption der Endolymphe im Innenohr des Meerschweinchens“ beschäftigte, sowie seine 1976 erfolgte Berufung als ordentlicher Professor und Direktor der Klinik für Hals-, Nasen- und Ohrenheilkunde, Kopf- und Halschirurgie nach Kiel. Diese Position hatte er bis zu seiner Emeritierung im Jahr 2000 inne.
Ich selbst lernte Heinrich Rudert 1986 während meines Praktischen Jahres kennen, als gewissenhafte Respektsperson mit sehr fundiertem Wissen im gesamten Gebiet der Hals-, Nasen- Ohrenheilkunde, was in der heutigen Zeit aus verschiedenen Gründen selten geworden ist. Über die Jahre erlebte ich immer wieder, wie anerkennend Rudert über seine akademischen Lehrer und die früheren großen Persönlichkeiten der HNO-Heilkunde sprach. Rudert hatte die Geschichte des Faches verinnerlicht wie wenige andere, eine Eigenschaft, die bei den Jüngeren inzwischen leider verlorengegangen sein dürfte.
Rudert hatte in Deutschland vor allem zu drei HNO-Ordinarien ein enges freundschaftliches Verhältnis: Zum Lehrstuhlinhaber in Marburg, Prof. Oskar Kleinsasser (1929 – 2001), zum Lehrstuhlinhaber an der LMU in München, Prof. Ernst Kastenbauer (1937 – 2004) und zum Lehrstuhlinhaber in Bonn, Prof. Claus Herberhold (1938 – 2021).
Die frühere Kieler Abteilung für Stimm- und Sprachheilkunde wurde von Rudert in die Abteilung für Phoniatrie und Pädaudiologie umbenannt und von Prof. Ulrich Reker (1942 – 2006) geleitet. Während seiner Amtszeit hat Rudert darüber hinaus im Jahr 1995 das Cochlea-Implant-Centrum Schleswig-Kiel mitbegründet. Auch dies verdeutlichte seine breite Expertise zur Diagnostik und Therapie von Erkrankungen des Halses, der Nase und der Ohren, wie es die Facharztbezeichnung auch wiedergibt. Klinisch förderte Rudert besonders den Einsatz des Operationsmikroskops für die Nasennebenhöhlenchirurgie sowie die Laserchirurgie beim Kehlkopfkarzinom und bei den pharyngealen Karzinomen.
Wir haben zahlreiche nationale und internationale Operationskurse durchgeführt. Über die Kurse zur Laserchirurgie und zur Nebenhöhlenchirurgie sind viele berufliche und auch persönliche Kontakte entstanden. Gerne erinnere ich mich an die langjährige Freundschaft zwischen Heinrich Rudert und Eugene Nicholas Myers, Pittsburgh, USA, sowie zwischen Heinrich Rudert und R. Kim Davis aus Salt Lake City, Utah, USA, über die wiederum Begegnungen jüngerer Mitarbeitender von beiden Kontinenten entstanden sind. Neben den Operationskursen fanden eine Reihe internationaler Tagungen statt, an denen zahlreiche hochkarätige Wissenschaftler teilnahmen, unter anderem der Nobelpreisträger Dr. Kary Mullis, Erfinder der Polymerase-Kettenreaktion (PCR), und Prof. Harald zur Hausen, der seinen Nobelpreis für die Entdeckung bekam, dass humane Papillomviren Gebärmutterhalskrebs verursachen können.
Rudert war nicht nur ein herausragender Wissenschaftler und Kliniker, sondern auch ein engagierter Förderer seiner Fachgesellschaft. Als Präsident der Deutschen Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, Kopf- und Hals-Chirurgie e. V. setzte er in den Jahren 1988 und 1989 wichtige Impulse, die das Fach nachhaltig prägten. Seine herausragenden Verdienste wurden mit zahlreichen Ehrungen gewürdigt, darunter die Verdienstmedaille und die Ehrenmitgliedschaft der Gesellschaft sowie der Ludwig-Haymann-Preis im Jahr 2000. 2016 nahm Heinrich Rudert als Ehrenpräsident an der 87. Jahresversammlung der Fachgesellschaft in Düsseldorf teil. Rudert hat sich in einem weiteren Gebiet seines Faches verdient gemacht: Er arbeitete sich ganz tief in das Abrechnungswesen von Leistungen ein. Fragen zur Gebührenordnung waren bei ihm immer bestens adressiert.
Besonders verweisen möchte ich auf sein großes Engagement als alleiniger Schriftleiter der Zeitschrift Laryngo-Rhino-Otologie. Bei dieser Tätigkeit durfte ich ihn mehrere Jahre unterstützen, eine für mich extrem lehrreiche Erfahrung.
Rudert hat sich aber keineswegs nur mit fachspezifischen Themen zu Wort gemeldet. Er war geschätzter Gesprächspartner bei Politikern der Landes- und Kommunalpolitik. Wie sehr ihm das Gesundheitswesen in Gänze am Herzen lag, führte Rudert bei seiner Präsidentenrede zur Eröffnung der 60. Jahresversammlung der Gesellschaft am 07.05.1989 im Kieler Schloss aus. Der Beginn seiner Ansprache soll an dieser Stelle zitiert werden: „Meine Damen und Herren, es wird heutzutage erwartet, dass sich der Präsident einer wissenschaftlichen Gesellschaft in seiner Ansprache mit dem Rahmen beschäftigt, in dem sich die Disziplin, die er repräsentiert, befindet. Dieser Rahmen ist einmal die Universität, die unsere wissenschaftliche Heimat ist, und zum anderen, da wir auch Ärzte sind, das Gesundheitswesen. Beide, die Universität und das Gesundheitswesen, befinden sich in einer Krise, und da beide entweder staatliche Institutionen sind, wie die Universität, oder vom Staat zunehmend gelenkt werden, wie das Gesundheitswesen, müssen wir uns auch kritisch mit den Maßnahmen des Staates auseinandersetzen, so wie der Staat selbst ja auch die in beiden Institutionen Tätigen kritisiert. Solange Kritik sachlich bleibt und mit dem Ziel geübt wird, einen schlechten Zustand zu verbessern, sollten wir sie begrüßen, gleich auf welcher Seite wir stehen, und so möchte ich auch meine folgenden Ausführungen verstanden wissen.“ Ernüchternd ist, dass Ruderts lesenswerte Präsidentenrede auch nach über 35 Jahren nichts an Aktualität verloren hat.
Mit dem Tod von Prof. Dr. Heinrich Rudert verliert die medizinische Fachwelt eine ihrer nachhaltig prägenden Persönlichkeiten der Hals-, Nasen- und Ohrenheilkunde, einen der letzten Generalisten seines Fachgebietes. Sein Lebenswerk wirkt in vielen Menschen weiter, die auf der einen Seite durch seine Arbeit geprägt und inspiriert wurden, und die auf der anderen Seite als Patienten geheilt wurden.
Unser Mitgefühl gilt seiner Frau Anne, seinen Kindern Annette und Maximilian, seiner übrigen Familie, seine Freundinnen und Freunden sowie allen, die ihm verbunden waren.
Wir werden Prof. Dr. Heinrich Rudert in ehrender Erinnerung behalten.
Korrespondenzadresse:
Prof. Dr. Jochen A. Werner
Universitätsklinikum Essen
Hufelandstr. 55
45147 Essen
Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Thieme Verlages.