Ausgabe 01-2025 I Rückblick des Studienzentrums auf das Jahr 2024

Deutsches Studienzentrum für HNO-Heilkunde,
Kopf- und Hals-Chirurgie (DSZ-HNO)
Joanna Napp, Göttingen
Ralf Tostmann, Göttingen
Jan Löhler, Bad Bramstedt
Orlando Guntinas-Lichius, Jena
Das Deutsche Studienzentrum für Hals-, Nasen- und Ohrenheilkunde, Kopf- und Hals-Chirurgie (DSZ-HNO) ist eine zentrale Einrichtung zur Unterstützung und Förderung klinischer Studien im Fachbereich HNO-Heilkunde. Es entstand durch eine Kooperation der Deutschen Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, Kopf- und Hals-Chirurgie e.V. (DGHNO-KHC) und des Deutschen Berufsverbands der HNO-Ärzte e.V. (BVHNO). Ziel des DSZ-HNO ist es, Ärztinnen und Ärzte aus Klinik und Praxis bei der Planung, Durchführung und Veröffentlichung von Studien zu unterstützen und so die wissenschaftliche Evidenz im Fachgebiet systematisch zu stärken. Ein wichtiger Bestandteil ist das HNO-Studienportal, das Transparenz schafft und einen zentralen Überblick über aktuelle Forschungsprojekte bietet.
Im Jahr 2015 führte das DSZ-HNO im Auftrag der DGHNO-KHC und des BVHNO eine umfassende Befragung unter Fachärztinnen und Fachärzten durch. Ziel war es, systematisch bestehende Evidenzlücken im Fachgebiet HNO zu identifizieren und durch gezielte klinische Studien die dringendsten offenen Fragen zu beantworten [Löhler et al. 2016]. Damals führten vor allem otologische und onkologische Themen die Liste der Evidenz-Lücken an. Dabei wurden relevante Fragestellungen zu aktuellen diagnostischen und therapeutischen Herausforderungen genannt, beispielsweise zur stadiengerechten Tumortherapie oder dem Einsatz implantierbarer Hörhilfen. Diese Erkenntnisse dienten als Grundlage, um Forschungsprioritäten zu setzen und die evidenzbasierte Medizin im Fachgebiet nachhaltig zu stärken (siehe z.B. ELOS-Studie).
Nun wurde diese wegweisende Umfrage zwischen Oktober 2022 und Juli 2023 wiederholt, um eine Bestandsaufnahme der heutigen Herausforderungen und Perspektiven vorzunehmen [Löhler et al. Laryngo-Rhino-Otologie eingereicht]. Die Befragung richtete sich erneut sowohl an niedergelassene HNO-Ärztinnen und
-Ärzte als auch an Ärztinnen und Ärzte in Kliniken, um ein umfassendes Bild der aktuellen Bedürfnisse und Forschungslücken zu gewinnen. Die Ergebnisse zeigen nicht nur auf, in welchen Bereichen klinische Studien besonders erforderlich sind, sondern liefern auch wertvolle Ansatzpunkte für die weitere Förderung evidenzbasierter Forschung. Diesmal wurden vor allem offene Fragen in den Bereichen der Otologie/Neurootologie und Rhinologie/Allergologie/Immunologie gestellt. Die dabei am häufigsten benannten Begriffe waren Tinnitus, Hörsturz und Schwindel. Diese neue Bestandsaufnahme bildet erneut eine zentrale Grundlage für die zukünftige Arbeit des DSZ-HNO. Sie trägt dazu bei, Forschungsprojekte gezielt auf die drängendsten Fragestellungen auszurichten, die Versorgungssituation im Fachgebiet weiter zu verbessern und evidenzbasierte Erkenntnisse schneller in die Praxis umzusetzen. Damit leistet das DSZ-HNO einen wesentlichen Beitrag zur Weiterentwicklung der HNO-Heilkunde und zur langfristigen Optimierung der Patientenversorgung.
Neben den Umfragen laden wir auch weiterhin alle Mitglieder der DGHNO-KHC und des BVHNO ein, proaktiv ihre Konzepte und Visionen mit uns zu teilen, um gemeinsam die Zukunft der HNO-Heilkunde aktiv zu gestalten. Ihr Beitrag ist essenziell, um neue Impulse zu setzen und die Forschungslandschaft im Fachgebiet weiterzuentwickeln.
Zu den zentralen Leistungen des DSZ-HNO gehört die Unterstützung bei klinischen Studien, angefangen bei der Beratung und Planung von Studienprotokollen bis hin zur praktischen Durchführung und Organisation von Studien. Das Zentrum begleitet die Studien durch die Rekrutierung von Teilnehmenden, sorgt für eine strukturierte Datenauswertung und unterstützt die Veröffentlichung der Ergebnisse in renommierten Fachzeitschriften.
Zur Steigerung der Transparenz und Vernetzung von Forschungsprojekten stellt das DSZ-HNO ein HNO-Studienportal zur Verfügung (Abbildung 1). Dieses Portal bietet eine zentrale Plattform für Informationen über laufende-, geplante- und abgeschlossene Studien, wodurch der Austausch zwischen Forschenden und praktizierenden Ärztinnen und Ärzten erleichtert wird. Darüber hinaus fördert das DSZ-HNO die Vernetzung von Fachärztinnen und -ärzten, Klinikärztinnen und -ärzten und Forschenden, sowohl auf nationaler als auch auf internationaler Ebene. Es bietet einen Raum für den Austausch von Ideen und Erfahrungen, um die Forschung und die Versorgung im Bereich HNO kontinuierlich zu verbessern.
Das DSZ-HNO engagiert sich auch aktiv in der Förderung evidenzbasierter Medizin. In Zusammenarbeit mit Institutionen wie Cochrane Germany erstellt das DSZ-HNO systematische Reviews und Meta-Analysen und bietet Schulungen und Workshops für HNO-Ärztinnen und -Ärzte an, um evidenzbasierte Methoden in die klinische Praxis zu integrieren [Plontke et al. 2022].
Abschließend stellt das DSZ-HNO sicher, dass alle durchgeführten Studien höchsten Qualitätsstandards entsprechen. Es gewährleistet die Einhaltung internationaler Vorgaben wie der Good Clinical Practice (GCP) und registriert Studien im Deutschen Register Klinischer Studien (DRKS), um wissenschaftliche Integrität und Transparenz zu sichern.
Laufende Studien
TOTO – Tonsillektomie versus Tonsillotomie bei Kindern und Erwachsenen mit rezidivierender akuter Tonsillitis: Die größte chirurgische randomisierte, kontrollierte Studie in Deutschland (Prof. Guntinas-Lichius)
Tonsillektomie oder Tonsillotomie? Seit mehr als vier Jahren beschäftigt sich die TOTO-Studie (Tonsillotomie oder Tonsillektomie bei rezidivierenden Tonsillitiden) mit der Frage, ob die Tonsillotomie eine gleichwertige Alternative zur Tonsillektomie bei der Behandlung von wiederkehrenden akuten Tonsillitiden darstellt. Gefördert als Erprobungsstudie, untersucht die TOTO-Studie, ob die Tonsillotomie als weniger invasive Methode den gleichen Behandlungserfolg wie die konventionelle Tonsillektomie erzielen kann.
Ein bedeutender Meilenstein in der Tonsillen Forschung war die Veröffentlichung der NATTINA-Studie (NAtional randomised controlled Trial of Tonsillectomy IN Adults) im Jahr 2023 in The Lancet. In dieser randomisierten kontrollierten Studie wurde die Wirksamkeit der konservativen Therapie mit der Tonsillektomie bei Erwachsenen mit rezidivierender akuter Tonsillitis verglichen. Das Ergebnis: Die Tonsillektomie zeigte sich der erneuten konservativen Therapie deutlich überlegen. Dieser Befund hat große Bedeutung für die TOTO-Studie, da nunmehr der direkte Vergleich zwischen Tonsillektomie und Tonsillotomie noch relevanter geworden ist.
Die TOTO-Studie ist als kontrollierte, randomisierte Nichtunterlegenheits-Studie konzipiert und geht der Frage nach, ob die Tonsillotomie bei Kindern und Erwachsenen mit rezidivierenden akuten Tonsillitiden ein gleichwertiges Verfahren zur Tonsillektomie darstellt. Dabei orientiert sich die TOTO-Studie an denselben Outcome-Parametern wie die NATTINA-Studie. Sollte die TOTO-Studie erfolgreich abgeschlossen werden, könnte zu einem späteren Zeitpunkt auch ein direkter Vergleich der Ergebnisse der TOTO- und NATTINA-Studien durchgeführt werden.
Die Ergebnisse der NATTINA-Studie sind für die TOTO-Studie aus mehreren Gründen von entscheidender Bedeutung. Insbesondere die Auswertestrategien, die in der NATTINA-Studie angewendet wurden, sind für uns von Interesse. Besonders der Umgang mit fehlenden Werten, der in der NATTINA-Studie eine zentrale Rolle spielte, ist für die TOTO-Studie von hoher Relevanz. Da die TOTO-Studie auf wöchentliche Eintragungen der Patientinnen und Patienten zu ihrem Gesundheitszustand über einen Zeitraum von zwei Jahren angewiesen ist, stellt die Ausfallquote und der Umgang mit fehlenden Daten eine große Herausforderung dar. Auf Grundlage der Erfahrungen der NATTINA-Studie haben wir unsere eigenen Auswertestrategien angepasst und die Anzahl der zu rekrutierenden Patientinnen und Patienten auf 500 erhöht.
Anders als in den vergangenen Jahren stellt die Erreichung der gewünschten Patientenzahl mittlerweile kein Problem mehr dar. Während die Rekrutierung in der COVID-19-Pandemie aufgrund des Rückgangs elektiver Eingriffe nur schleppend voranschritt, sind die aktuellen Rekrutierungszahlen sehr zufriedenstellend (Abbildung 2). Im Jahr 2024 konnten im Durchschnitt 12 Patientinnen und Patienten pro Monat rekrutiert und fast zehn Patientinnen und Patienten pro Monat operiert werden. Somit gehen wir davon aus, die geplante Zahl von 500 Patientinnen und Patienten bis Ende des ersten Quartals 2025 zu erreichen. Gelingt dies, so wird die letzte Patientin oder der letzte Patient im ersten Quartal 2027 die Studie verlassen und wir können dann die Auswertung beginnen.
Die TOTO-Studie leistet somit einen wichtigen Beitrag zur Weiterentwicklung der Behandlung von rezidivierenden akuten Tonsillitiden und könnte neue Perspektiven für die Therapie eröffnen. Nun heißt es nur noch: Abwarten!
Weitere Informationen zu der Studie, sowie Infomaterial für Prüfärztinnen und -ärzte, zuweisende Ärztinnen und Ärzte sowie für die Patientinnen und Patienten, sowie eine Liste aktiver Prüfzentren finden Sie auf der TOTO Homepage: https://toto-studie.hno.org/ sowie im Studienprotokoll [Guntinas- Lichius, et al. 2021].
ELOS – European Larynx Organ Preservation Study: Eine multizentrische, prospektive, randomisierte, kontrollierte Phase II Studie (Prof. Dietz)
Mit dem Ende des Jahres 2023 ist die ELOS-Studie (European Larynx Organ Preservation Study) gestartet. Die ELOS-Studie ist eine multizentrische, prospektive, randomisierte, kontrollierte Phase-II-Studie, die sich mit der Frage der Kehlkopforganerhaltung bei Patientinnen und Patienten mit lokal fortgeschrittenem Kehlkopfkarzinom befasst. Sie baut auf den Ergebnissen der Vorgängerstudie DeLOS-II [Dietz, et al. 2020] auf, die die Wirksamkeit und Sicherheit von Induktionschemotherapie gefolgt von Radiotherapie mit und ohne den Einsatz von Cetuximab bei Patientinnen und Patienten mit lokal fortgeschrittenen, resektablen Kehlkopf- und Hypopharynxkarzinomen untersuchte.
Die ELOS-Studie vergleicht zwei Behandlungsregime: Standardarm bestehend aus Induktionschemotherapie (IC) mit Docetaxel und Cisplatin, gefolgt von Strahlentherapie, versus Prüfarm, in dem die gleiche Behandlung wie im Standardarm mit einer zusätzlichen PD-1-Inhibition durch Pembrolizumab kombiniert wird. Die Studie umfasst eine frühe Ansprechbewertung (ERE) 21 ± 3 Tage nach dem ersten Zyklus der Induktionschemotherapie (IC-1). Patientinnen und Patienten, die als „Responder“ definiert werden, indem sie eine Tumoroberflächenverkleinerung (estimated tumor surface shrinkage; ETSS) von ≥30 % erreichen, erhalten zwei zusätzliche Zyklen der Induktionschemotherapie, gefolgt von intensitätsmodulierter Strahlentherapie, mit dem Ziel der Kehlkopforganerhaltung. Dagegen werden die „non-Responder“ (ETSS <30 % oder Krankheitsprogression) einer totalen Laryngektomie und einer bilateralen Neck Dissection unterzogen, gefolgt von einer postoperativen Strahlentherapie oder Chemoradiotherapie, wie sie vom interdisziplinären Tumorboard empfohlen wird. Die Behandlung mit Pembrolizumab wird im Prüfarm unabhängig vom ETSS-Status nach IC-1 sowohl bei den Respondern als auch bei den Laryngektomierten Non-Respondern fortgesetzt, auch unabhängig von der späteren Entscheidung über eine adjuvante Therapie nach der Laryngektomie.
Nach Abschluss der Behandlung wird eine flexible Nachbeobachtungsphase durchgeführt, in der unter anderem das laryngektomiefreie Überleben, das Gesamtüberleben sowie die Schluckqualität der Patientinnen und Patienten erfasst werden. Ziel der ELOS-Studie ist es, neue Erkenntnisse zur Kehlkopforganerhaltung und der Rolle von Immuntherapie in der Behandlung von fortgeschrittenem Kehlkopfkarzinom zu gewinnen, um langfristig die Therapieoptionen für betroffene Patientinnen und Patienten zu verbessern [Wichmann et al. 2024].
Diese sehr umfangreiche klinische Studie wurde über mehrere Jahre vorbereitet und durchlief das neue, von der Europäischen Union geforderte, CETIS-Verfahren (Clinical Trials Information System) der European Medicines Agency (EMA) mit der EU-CT Nummer 2022-502751-61-00. Bundesweit nehmen insgesamt neun renommierte zertifizierte Kopf-Hals-Tumor-Zentren der Universitätsklinika Leipzig, Regensburg, München, Ulm, Würzburg, Mannheim, Köln, Jena und des Klinikums Potsdam teil. Bis Ende 2024 wurden bereits acht ELOS-Zentren eröffnet, in Jena werden letzte Vorbereitungen auf die Eröffnung getroffen. Darüber hinaus ist die Eröffnung eines weiteren Prüfzentrums in Kiel, vorgesehen.
Von den vorgesehenen 140 Patientinnen und Patienten konnten bisher neun erfolgreich rekrutiert werden (Abbildung 3).
HPV-Register – Eine epidemiologische Erfassung von HPV-assoziierten Oropharynxtumoren sowie der Einfluss der HPV-Impfung auf die Häufigkeit von HPV-assoziierten Oropharynxtumoren (Prof. Beutner)
Das HPV-Register spielt eine wichtige Rolle bei der Erfassung und Analyse von HPV-assoziierten Oropharynxtumoren. Oropharynxtumore sind zunehmend mit einer Infektion mit dem humanen Papillomavirus (HPV) assoziiert, insbesondere mit HPV-Typ 16. Das Register bietet eine strukturierte Möglichkeit, die Häufigkeit dieser Tumoren zu erfassen und trägt dazu bei, die epidemiologische Landschaft im Zusammenhang mit HPV-Infektionen zu verstehen. Diese Art der Datensammlung ist besonders wichtig, weil die Zahl der HPV-bedingten Oropharynxtumoren in den letzten Jahrzehnten stetig gestiegen ist. Die Schließung dieser Lücke in der infektionsepidemiologischen Analyse hilft dabei, besser zu verstehen, wie weit verbreitet diese Tumoren sind und welche weiteren Maßnahmen in Bezug auf Prävention und Behandlung notwendig sind.
Seit der Initiierung des Registers im Jahr 2022 wurden bereits weit über 2100 Einträge an bisher 42 aktiven Zentren vorgenommen (Abbildung 4). Die Tatsache, dass die Studie zum HPV-Register ohne zusätzliche Finanzierung durch Drittmittel, sondern ausschließlich durch das DSZ-HNO erfolgreich durchgeführt wurde, ist in der Tat ein bemerkenswerter Erfolg. Dies zeigt, dass es möglich ist, wichtige wissenschaftliche Projekte mit begrenzten finanziellen Ressourcen durchzuführen, wenn es eine starke interne Unterstützung und ein gut organisiertes Forschungsnetzwerk gibt.
Die Publikation der ersten Ergebnisse [Beutner 2024] bestätigt, dass der Start der HPV-Registerstudie reibungslos verlief und eine erfreuliche flächendeckende Beteiligung im deutschsprachigen Raum zu verzeichnen hat. Die Daten suggerieren mögliche regionale Unterschiede im Anteil der p16 +/HPV–Patientinnen und Patienten, was eine Diskussion über die Notwendigkeit zusätzlicher HPV-PCR-Tests aufwirft. Ein Aufschluss über die Entwicklung der p16-positiven Oropharynxtumoren wird in den kommenden Jahrzehnten angestrebt, insbesondere mit der Frage, inwieweit die HPV-Impfung das Auftreten von HPV-assoziierten Oropharynxtumoren beeinflussen wird.
REDON – Morbidität der Parotidektomie bei gutartigen Parotistumoren mit und ohne Redondrainage: Eine deutschlandweite prospektive randomisierte multizentrische Studie (Prof. Grosheva, Prof. Klußmann)
Die REDON-Studie untersucht seit mittlerweile über fünf Jahren (Start: April 2019), ob durch die Einlage bzw. den Verzicht auf eine geschlossene Wunddrainage (sog. Redon) bei einer lateralen und partiellen Parotidektomie die Häufigkeit der postoperativen Komplikationen, wie Nachblutung, Wundheilungsstörung und Wundinfektion sowie Speichelzyste und -fistel beeinflusst wird. Es ist eine prospektive randomisierte Studie, die ohne zusätzliche Mittel durchgeführt wird. Mit dem Ende des Jahres 2024 steht die Studie kurz vor dem Abschluss; im Oktober 2024 wurden bereits fast 720 der vorgesehenen 760 Patientinnen und Patienten rekrutiert. Die ersten Ergebnisse sind im Jahr 2025 zu erwarten.
HNSCC – Effekt der COVID-19-Pandemie auf die Neudiagnosen und Therapie von Plattenepithelkarzinonmen im Kopf-Hals-Bereich (Prof. Bohr)
Im Rahmen dieser Studie soll die Veränderung der Erstdiagnosen von Kopf-Hals-Tumoren beobachtet werden. Neben einem Rückgang der Neudiagnosen, deren Anzahl pandemiebedingt zurückzugehen schien, wurden im Vergleich zu den Vorjahren scheinbar größere und mit einiger Verzögerung diagnostizierte Tumore erstdiagnostiziert. Diese Beobachtung wurde jedoch noch nicht in multizentrischen Studien bestätigt, sodass wir die Frage im Rahmen einer Datenerhebung näher betrachten wollen. Aktuell existieren Ethikvoten für 51 Zentren und zehn Kliniken haben schon aktiv mit der Datenbankeingabe begonnen. Die ersten Ergebnisse der Registerstudie zeigen statistisch nachweisbare Veränderungen bei den Neudiagnosen von HNSCCs während der Pandemie. So wurden in Ostbayern im ersten Pandemiejahr deutlich weniger, jedoch fortgeschrittenere Krebserkrankungen neu diagnostiziert als in den Vorjahren, vor allem aufgrund eines Rückgangs von Tumoren in den UICC-Stadien I und II. Zudem wurde ein Wechsel der primären Behandlungsmethoden hin zu nicht-chirurgischen Therapien bei fortgeschrittenen Tumoren beobachtet. Dies war vermutlich auf die teils stark eingeschränkte Kapazität von Operationssälen während der Pandemie-Höhepunkte zurückzuführen. Um Behandlungsverzögerungen zu vermeiden, erhielten mehr Patientinnen und Patienten, insbesondere mit grenzwertig operablen Tumoren, eine Radiochemotherapie gemäß den Leitlinien. Die Daten deuten darauf hin, dass so ein Behandlungsbeginn ohne Verzögerung ermöglicht wurde.
Zu Beginn des zweiten Pandemiejahres gab es einen deutlichen Anstieg der Diagnosen, was als Nachholeffekt gewertet werden könnte. Während der vierten Pandemiewelle wurde jedoch erneut ein Rückgang verzeichnet, wobei möglicherweise noch nicht alle Fälle erfasst wurden [Hintschich et al. 2023]. Zukünftige Untersuchungen sollten klären, ob der Rückgang früher Tumorstadien zu einem Anstieg fortgeschrittener Krebserkrankungen in der Nach-Pandemie-Phase führt und langfristige Überlebenschancen negativ beeinflusst.
DFG Nachwuchsakademie – (Prof. Guntinas-Lichius)
Im Jahr 2023-2024 wurde die von der DFG bewilligte Nachwuchsakademie zum Thema „Weiterentwicklung der Kopf-Hals-Onkologie – neue experimentelle Ansätze klinisch-translationaler Forschung“ durchgeführt. Ziel der Akademie war es, HNO-Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler bei der Entwicklung und Beantragung eigener Forschungsprojekte zu unterstützen. Das übergeordnete Thema der Akademie orientierte sich an den im Jahr 2015 durch eine Befragung unter den Mitgliedern der DGHNO-KHC und des BVHNO identifizierten Evidenzlücken im HNO-Fachgebiet [Löhler et al. 2016]. Damals führten unteranderem onkologische Themen die Liste der Evidenz-Lücken an.
Die Akademie wurde erfolgreich durchgeführt und bot den Teilnehmenden eine ideale Plattform, um innovative Projektideen zu entwickeln, unter Anleitung erfahrener Mentorinnen und Mentoren auszuarbeiten und bei der DFG einzureichen. Aus einer Vielzahl an Bewerbungen wurden 20 vielversprechende junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler für die Teilnahme an der Nachwuchsakademie ausgewählt. Ihre Projektideen wurden zuvor von einem unabhängigen Gremium eingehend bewertet.
Kernstück der Akademie war die sogenannte Akademiewoche, die vom 27. November bis zum 1. Dezember 2023 in der historischen Sternwarte in Göttingen stattfand (Abbildung 5). In einer produktiven und zugleich entspannten Atmosphäre präsentierten dort die Teilnehmenden ihre Projekte und entwickelten diese weiter. Unterstützt wurden sie dabei von erfahrenen Mentorinnen und Mentoren und den anderen Akademieteilnehmenden, die durch anregende Diskussionen wertvolle Impulse lieferten. Begleitend hielten Dozentinnen und Dozenten aus verschiedenen Forschungsfeldern Vorträge zu relevanten Aspekten der Antragstellung und Projektplanung.
Die Umfrage, die im Anschluss der Akademiewoche unter den Teilnehmenden getätigt wurde, bestätigte den großen Erfolgt der Veranstaltung – in den 5 Bewertungskategorien erreichte die Bewertung die Noten sehr gut bis gut (Abbildung 6).
Nach der Akademiewoche wurden die Projekte mit intensiver Unterstützung durch die Mentorinnen und Mentoren final ausgearbeitet und zur Begutachtung bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) eingereicht. Von den 19 eingereichten Projekten erhielten 8 eine Förderzusage – eine bemerkenswerte Förderquote von 40 %. Die Ergebnisse der Akademie zeigen die Wirksamkeit dieses Formats: eine hohe Förderquote und die Qualität der eingereichten Projekte bestätigen die Relevanz und den Erfolg der Initiative.
Ein Wiedersehen der Akademieteilnehmenden ist für das Jahr 2025 geplant. Bei diesem Treffen sollen die bisherigen Erfahrungen reflektiert, die Fortschritte der geförderten Projekte präsentiert und auch die wissenschaftliche sowie persönliche Entwicklung der Teilnehmenden besprochen werden.
Basierend auf dem großen Erfolg der ersten HNO Nachwuchsakademie wurde eine zweite Akademie mit dem Thema „Weiterentwicklung der Otologie und Otoneurologie – neue experimentelle Ansätze klinisch-translationaler Forschung“ bei der DFG eingereicht. Auch hier hat das ausgewählte Thema seine Wurzeln in der Umfrage von DGHNO-KHC und BVHNO, die einen großen Forschungsbedarf in diesen Bereichen aufzeigte.
Neben der intensiven Betreuung der oben genannten Projekte, führte das DSZ-HNO auch eine Reihe weiterer Aktivitäten durch. Dazu gehört z.B. die gezielte Unterstützung bei der Verbreitung der Informationen über bestimmte Forschungsprojekte unter den Ärztlichen Mitgliedern der beiden Forschungsverbunde der HNO. So haben wir z.B. die Informationen von Prof. Plontke gemeinsam mit der Firma Audiocure ins Leben berufene Studie zur Hörsturz Behandlung in die entsprechenden Newsletter aufgenommen. Die Studie, die den Einsatz eines neuen Wirkstoffes AC102 in einem frühen Stadium des Hörsturzes untersucht, ist auf eine schnelle und gezielte Überweisung der meist in den kleinen Praxen vorstelligen Patientinnen und Patienten an die durchführenden Zentren angewiesen. Mit unserer Unterstützung sollte gewährleistet werden, dass möglichst viele Ärztinnen und Ärzte über die Studie informiert sind und so über die Überweisung der Patientinnen und Patienten an die durchführenden Kliniken entscheiden können.
Ähnlich haben wir auch die Umfrage von Frau Prof. Arweiler-Harbeck unterstützt. Diese Umfrage richtete sich an alle HNO-Ärztinnen und Ärzte und hat als Ziel ihre arbeitsbedingte muskuloskelettale Belastung zu erfassen, wie z.B. muskuläre Verspannungen und Ermüdung insbesondere im Rückenbereich, die durch Arbeit mit dem Mikroskop oder Endoskop entstehen könnte. Auf die Ergebnisse der Umfrage, und die daraus möglicherweise entstehenden Studien sind wir sehr gespannt.
Darüber hinaus begleiten wir auch in kleinerem Umfang die Antragstellung oder unterstützen die Durchführung verschiedener Studien. Nach der Beendung der DSZ-HNO HODOKORT Studie [Plontke et al. 2024], die den Einsatz von Glukokortikoiden beim Hörsturz untersuchte, wurde eine Nachfolgerstudie CORTEBO eingereicht und genehmigt. Während die Ergebnisse von HODOKORT keine Verbesserung der Therapierfolge unter Verwendung einer hochdosierten Glukokortikoidtherapie im Vergleich zur Standarddosierung bei Patientinnen und Patienten mit plötzlichem Hörverlust (Hörsturz) zeigen konnte, wird sich die CORTEBO mit der Grundsätzlichen Frage der Glukokortikoidanwendung beim Hörsturz beschäftigen.
Eine weitere von uns begleitete Studie, die kürzlich abgeschlossen wurde, SUPRATOL, beschäftigte sich mit der Bewertung der transoralen Lasermikrochirurgie (TLM) bei supraglottischen Kehlkopfkarzinomen. Die Ergebnisse zeigten, dass die TLM zu guten funktionellen Ergebnissen führt. Insbesondere konnte die Schluckfunktion bei den meisten Patientinnen und Patienten erhalten werden, und die lokale Tumorkontrolle war zufriedenstellend. Diese Ergebnisse bestätigen die TLM als effektive Behandlungsoption für supraglottische Kehlkopfkarzinome [Ambrosch et al. 2024].
Frau Prof. Busch haben wir bei der Überarbeitung Ihrer Versorgungsforschungsstudie zur kurativen Behandlung von oropharyngealen Karzinomen in Deutschland mit dem Kürzel HeRO intensiv unterstützt. Das Konzept wurde basierend auf den bisherigen Gutachterkommentaren grundliegend überarbeitet und beim GBA eingereicht. Wir sind zuversichtlich und hoffen auf eine positive Bewertung.
Wir danken allen Mitgliedern der DGHNO-KHC und des BVHNO für Fragen und Anregungen sowie die Projektideen, die uns zugegangen sind.
Wenn Sie Vorschläge oder Ideen haben, sind Sie herzlich eingeladen, sich an das DSZ-HNO zu wenden:
Tel.: 0228 / 9239220
E-Mail: dsz@hno.org
Web: https://dsz-hno.hno.org
Kontaktanschrift:
Priv.-Doz. Dr. med. Joanna Napp
Studienzentrum UMG
Von-Bar-Str. 2/4, D-37075 Göttingen