Zum Präsidiumsjahr 2026/2027
Liebe Kolleginnen und Kollegen,
liebe Freunde unseres Fachs,
Präsidenten unserer Deutschen Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, Kopf- und Hals-Chirurgie gleichen bisweilen Sternschnuppen. Kaum sind sie am Himmel unserer Fachgesellschaft erschienen, ist ihr Präsidentenjahr auch schon wieder vergangen. Was bleibt, sind Erinnerungen an zahlreiche Sitzungen, Diskussionen und Entscheidungen – vor allem aber Spuren, die weit über dieses eine Jahr hinausreichen.
Wer jedoch nur auf die kurze Leuchtkraft einer Sternschnuppe blickt, übersieht das Wesentliche. Kein Präsident beginnt seine Aufgabe erst mit der Amtsübernahme. Viele Jahre zuvor bewegt er sich bereits im Orbit unserer Gesellschaft – in Arbeitsgemeinschaften, Kommissionen, im Präsidium und im wissenschaftlichen Austausch mit Kolleginnen und Kollegen. Dort entstehen Ideen, werden Projekte entwickelt und Weichen gestellt, deren Wirkung oft erst im Verlauf eines Präsidentenjahres sichtbar wird.
Ein Präsidentenjahr ist deshalb nie die Geschichte eines Einzelnen. Es ist Ausdruck des gemeinsamen Enga-gements vieler Mitglieder, die Verantwortung für unser Fach übernehmen und seine Zukunft gestalten. Die Flugbahn unserer Fachgesellschaft entsteht nicht in zwölf Monaten, sondern über viele Jahre hinweg.
Ein Jahr mit nachhaltigen Impulsen
Mit Prof. Dr. Thomas K. Hoffmann durfte unsere Gesellschaft einen Präsidenten erleben, der gemeinsam mit unserem Generalsekretär, Prof. Dr. Thomas Deitmer, dem Präsidium und der Geschäftsstelle unsere Fachgesellschaft mit Weitblick, wissenschaftlicher Kompetenz und diplomatischem Geschick erfolgreich durch das Jahr 2025/2026 geführt hat. Seine ruhige, verbindliche Art hat wesentlich dazu beigetragen, auch anspruchsvolle Themen sachlich, zielorientiert und kollegial voranzubringen.
Zu den wichtigsten Erfolgen gehörte die weitere wirtschaftliche und strukturelle Konsolidierung unserer Fach-gesellschaft. Eine verlässliche organisatorische und finanzielle Grundlage ist die Voraussetzung für nachhaltige wissenschaftliche Arbeit, für die Förderung innovativer Forschung und für den Ausbau tragfähiger wissenschaftlicher Netzwerke.
Ein weiterer Schwerpunkt lag auf der konsequenten Weiterentwicklung der Leitlinienarbeit sowie dem Ausbau unseres Studienzentrums und der Registerprojekte. Leitlinien definieren Qualitätsstandards, prägen gesundheitspolitische Entscheidungen und stärken die Position unseres Fachgebietes. Studien und Register schaffen zugleich die wissenschaftliche Evidenz und Datengrundlage, die für Qualitätssicherung und die kontinuierliche Weiterentwicklung der Patientenversorgung unverzichtbar sind.
Auch die Zertifizierungsverfahren wurden systematisch weiterentwickelt, um den steigenden Qualitätsanfor-derungen im Gesundheitswesen gerecht zu werden. Von besonderer Bedeutung war zudem die Modernisierung der chirurgischen Weiterbildung. Mit den wissenschaftlich fundierten Expertenzertifikaten in der Kopf-Hals-Onkochirurgie, der Otologie und Schädelbasischirurgie, der Rhinologie und Chirurgie der vorderen Schädelbasis sowie der Audiologie wurde ein zukunftsweisendes Weiterbildungskonzept geschaffen. Es macht operative Kompetenz von der Indikationsstellung bis zur Nachsorge sichtbar und gewährleistet zugleich höchste Qualitätsstandards.
Ulm – mehr als ein Kongress
Der Höhepunkt jedes Präsidentenjahres ist traditionell die Jahresversammlung. Der Kongress 2026 in Ulm war weit mehr als eine wissenschaftliche Tagung. Er war Ausdruck einer lebendigen Fachgesellschaft, die es verstanden hat, Ideen ihrer jungen Mitglieder aufzugreifen und in die Praxis zu integrieren.
Die kontinuierlich steigenden Teilnehmerzahlen der vergangenen Jahre zeigen eindrucksvoll, dass persönliche Begegnung, wissenschaftlicher Austausch und gemeinsames Lernen auch im digitalen Zeitalter nichts von ihrer Bedeutung verloren haben.
Prof. Dr. Hoffmann und seinem Organisationsteam ist es gelungen, einen Kongress zu gestalten, der wissenschaftliche Exzellenz mit einer außergewöhnlich kollegialen Atmosphäre verband. Von der ersten Minute der
Eröffnungsveranstaltung bis zum Abschluss am Samstag blieb eine spürbare Dynamik erhalten.
Neue Formate gaben der Tagung zusätzliche Impulse. Das bereits im Vorfeld organisierte Drachenbootrennen als Team-Challenge zeigte eindrucksvoll, dass in unseren Kliniken weiterhin echter Teamgeist lebt. Der Science Slam im Rahmen der Eröffnung machte deutlich, mit welcher Begeisterung der wissenschaftliche Nachwuchs unser Fach präsentiert. Wissenschaft darf exzellent sein – und zugleich Freude vermitteln.
Auch organisatorisch setzte Ulm Maßstäbe. Gemeinsam mit der Kongressorganisation Conventus GmbH entstand eine Kongressumgebung, die wissenschaftliches Arbeiten ebenso ermöglichte wie intensive persönliche Begegnungen. Eine hervorragende Logistik, moderne Technik und eine bis ins Detail durchdachte Organisation sorgten dafür, dass sich die Teilnehmer ganz auf die Inhalte konzentrieren konnten.
Das wissenschaftliche Programm überzeugte durch seine nationale und internationale Strahlkraft. Die Deutsche HNO-Akademie blieb dabei ein zentraler Ankerpunkt des Kongresses. Mit ihren praxisnahen Kursen vermittelte sie unmittelbare Handlungskompetenz und unterstrich den hohen Stellenwert strukturierter Fort- und Weiterbildung.
Ein besonderes Ereignis war der Gesellschaftsabend mit gleich zwei Amtsübergaben. Neben der gemeinsam gestalteten Präsidentenübergabe wurde unser langjähriger Generalsekretär, Prof. Dr. Thomas Deitmer, würdevoll verabschiedet. Er prägte die Entwicklung unserer Fachgesellschaft über acht Jahre hinweg mit großem persönlichem Engagement, organisatorischer Weitsicht und hoher wissenschaftlicher Kompetenz. Prof. Dr. Hans-Jürgen Welkoborsky wird sein Amt übernehmen. Beiden sei an dieser Stelle ausdrücklich und sehr herzlich gedankt.
Nicht zuletzt bot Ulm mit seiner historischen Altstadt, dem Münster und seiner besonderen Gastfreundschaft einen würdigen Rahmen für unsere Jahresversammlung. Wissenschaft lebt von Atmosphäre – und Ulm hat hierzu in besonderer Weise beigetragen.
Wohin führt unsere gemeinsame Flugbahn?
Mit der Präsidentenübergabe richtet sich der Blick naturgemäß nach vorn. Dabei stellt sich weniger die Frage, welche Projekte neu begonnen werden sollen, sondern vielmehr, welche Entwicklungen unsere Gesellschaft langfristig stärken.
Die Rahmenbedingungen unseres Gesundheitssystems verändern sich mit hoher Dynamik. Krankenhausreform, Ambulantisierung, Qualitätssicherung, Digitalisierung und künstliche Intelligenz werden unser Fach nachhaltig prägen. Wissenschaftliche Fachgesellschaften können diese Entwicklungen nicht allein bestimmen – sie können ihnen jedoch Orientierung geben.
Ein zentrales Anliegen wird daher die Weiterentwicklung unserer Weiterbildung sein. Unabhängig vom
Ausbildungsort sollen junge Kolleginnen und Kollegen definierte Kompetenzen erwerben und auf höchstem Niveau in unser Fach hineinwachsen. Die Weiterbildungsordnung der Bundesärztekammer wird sich kurzfristig kaum verändern lassen. Umso wichtiger ist es, nach der Facharztanerkennung durch Zertifikate und spezialisierte Weiterbildungsangebote sowohl chirurgische als auch konservative Kompetenzen gezielt weiter auszubauen.
Ebenso gilt es, die chirurgische Identität unseres Fachgebietes weiter zu stärken. Die Kopf-Hals-Chirurgie gehört seit Generationen zum Kern der HNO-Heilkunde. Diese Kompetenz sichtbar zu machen, wissenschaftlich weiterzuentwickeln und durch enge Kooperationen mit den chirurgischen Fachgesellschaften zu festigen, bleibt eine zentrale Aufgabe.
Unsere Arbeitsgemeinschaften bilden das wissenschaftliche Herz der DGHNO-KHC. Hier entstehen Innovationen, Forschungsprojekte und Leitlinien. Daher sollten sie künftig noch stärker in die strategischen Entscheidungsprozesse des Präsidiums eingebunden werden.
Die Leitlinienarbeit bleibt eine Daueraufgabe. Gerade komplexe Erkrankungen erfordern evidenzbasierte Empfehlungen, die den medizinischen Fortschritt zeitnah abbilden und zugleich im klinischen Alltag praktikabel bleiben.
Ein besonderes Augenmerk gilt dem wissenschaftlichen Nachwuchs. Forschung beginnt mit Neugier. Unsere Aufgabe ist es, Räume zu schaffen, in denen wissenschaftliches Denken wachsen kann. Förderprogramme der Arbeitsgemeinschaften für junge Kolleginnen und Kollegen sollten daher weiter ausgebaut werden.
Auch die Zusammenarbeit mit der europäischen Medizintechnikindustrie kann weiterentwickelt werden. Im vergangenen Jahr ist eine gemeinsame Leitlinie mit der Union Europäischer Hörakustiker entstanden. Sie zeigt beispielhaft, wie Innovation dort entsteht, wo Wissenschaft und technologische Entwicklung verantwortungsvoll zusammenwirken. Transparenz und wissenschaftliche Unabhängigkeit bleiben dabei unverzichtbare Grundlagen.
Nicht zuletzt wird die interdisziplinäre Zusammenarbeit mit unseren Partnerfächern weiter an Bedeutung gewinnen. Moderne Medizin lebt weniger von Abgrenzung als von Kooperation.
Ebenso bleibt die enge Zusammenarbeit mit unserem Berufsverband zentral. Wissenschaftliche Fachgesellschaft und Berufsverband erfüllen unterschiedliche Aufgaben, verfolgen jedoch dasselbe Ziel: die bestmögliche Versorgung unserer Patientinnen und Patienten. Nur gemeinsam lässt sich die Zukunft unseres Faches
erfolgreich gestalten.
Dresden 2027 – Wissenschaft und klinische Versorgung mit Präzision und allen Sinnen
Viele dieser Themen werden bereits auf der Jahresversammlung 2027 in Dresden sichtbar werden. Der Kongress steht unter dem Leitgedanken HNO und Kopf-Hals-Chirurgie – Präzision mit allen Sinnen
. Dieses Motto beschreibt den Kern unseres Fachgebietes in besonderer Weise.
Präzision prägt heute Diagnostik und Therapie – von hochauflösender Bildgebung über molekulare Verfahren und robotisch assistierte Chirurgie bis hin zu individualisierten Behandlungskonzepten. Gleichzeitig ist kaum ein anderes medizinisches Fach so eng mit den menschlichen Sinnen verbunden. Hören, Gleichgewicht, Riechen, Schmecken und Stimme bestimmen die Lebensqualität unserer Patientinnen und Patienten und unterstreichen die besondere Verantwortung unseres Fachgebietes.
Die Jahresversammlung in Dresden soll diese Verbindung aus wissenschaftlicher Präzision, chirurgischer Exzellenz und funktionellem Erhalt menschlicher Sinnesleistungen widerspiegeln. Moderne Diagnostik, innovative operative Verfahren, personalisierte Medizin, künstliche Intelligenz und interdisziplinäre Zusammenarbeit werden ebenso ihren Platz finden wie der persönliche wissenschaftliche Austausch, der unsere Fachgesellschaft seit jeher prägt.
Vor allem aber soll der Kongress erneut ein Ort der Begegnung sein. Wissenschaft lebt nicht allein von Publikationen oder technologischen Innovationen, sondern vom offenen Austausch zwischen erfahrenen Kolleginnen und Kollegen, dem wissenschaftlichen Nachwuchs sowie unseren nationalen und internationalen Partnern.
Ich freue mich daher sehr, Sie 2027 in meiner Heimatstadt Dresden begrüßen zu dürfen. Gemeinsam mit meinem Ärzteteam und Conventus möchten wir einen Kongress gestalten, der wissenschaftliche Exzellenz, kollegiale Atmosphäre und sächsische Gastfreundschaft verbindet und unserem Fach neue Impulse gibt.
Gemeinsam Zukunft gestalten
Wenn Präsidenten Sternschnuppen sind, dann wünsche ich mir, wie jeder Präsident, dass dieses Amtsjahr nicht nur einen kurzen Lichtschein hinterlässt, sondern Orientierung gibt. Ich bin dankbar, dabei auf ein engagiertes und schlagkräftiges Präsidium zählen zu können.
Die Zukunft unseres Fachgebietes entscheidet sich nicht in zwölf Monaten und nicht durch eine einzelne Person. Sie entsteht durch das gemeinsame Engagement vieler Kolleginnen und Kollegen – in Kliniken und Praxen, in Forschung und Lehre, in den Arbeitsgemeinschaften, im Präsidium und auf unseren Jahreskongressen über viele Jahre hinweg.
Ich freue mich auf das kommende Präsidentenjahr, auf persönliche Begegnungen, lebendige wissenschaftliche Diskussionen und darauf, gemeinsam mit Ihnen die Zukunft unseres Fachgebietes weiterzugestalten.
Mit herzlichen Grüßen
Ihr
Prof. Dr. med. Dr. h. c. Thomas Zahnert
Präsident der Deutschen Gesellschaft für
Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, Kopf- und Hals-Chirurgie
Bilder: Michael Kretzschmar, Susann Bargas Gomez, Copyright: DGHNO-KHC, Adobestock I frank peters



