Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen,
Ehrengäste, Würdenträger, Studierende, liebe Familie und Freunde,
nun zur Präsidentenrede in Bezug auf das Motto der Jahrestagung: Faszination Kopf-Hals-Chirurgie
.
Ich darf vorausschicken, dass mich mit diesem Thema sehr persönliche und gute Erinnerungen verbinden. Meine Begeisterung für die Kopf-Hals-Chirurgie begann bereits während eines Schulpraktikums, wurde im Anatomiekurs des Medizinstudiums weiter entfacht und schließlich durch die ersten praktischen Erfahrungen während der Facharztausbildung gefestigt. Diese Faszination begleitet mich noch heute – und ich empfinde es als unsere gemeinsame Aufgabe, diese Begeisterung an die nächste Generation weiterzugeben. Nicht zuletzt wird auch dieser Kongress dazu einen Beitrag leisten.
Doch warum fasziniert uns gerade der Kopf-Hals-Bereich? Warum sind wir nicht Urologen oder Gynäkologen geworden?
Der Kopf-Hals-Bereich ist von einzigartiger Komplexität. Hier sitzen unsere zentralen Sinnesorgane. Hier berühren sich Körper und Geist. Außerdem sind sowohl der Kopf als auch der Hals ästhetisch exponierte Bereiche, deren Erhalt und Wiederherstellung unser ganzes Können fordert.
Die Chirurgie – das ärztliche Gesundheitshandwerk – hat sich über Jahrhunderte hinweg entwickelt. In Ulm ist sie untrennbar mit dem Namen Johannes Scultetus (Schultheiß) verbunden, der 1595 hier geboren wurde. Als Stadtphysikus veröffentlichte er das berühmte Armamentarium Chirurgicum
– das erste Lehrbuch der Chirurgie mit eindrucksvollen Darstellungen, wie etwa eines notfallmäßigen Luftröhrenschnitts.
Die Kopf-Hals-Chirurgie wurde in den vergangenen Jahrzehnten erfolgreich entwickelt: Meilensteine wie die kehlkopferhaltende Laserchirurgie, mikroskopische Ohroperationen mit innovativen Implantaten, endoskopische Verfahren an Rhino- und Otobasis sowie hochkomplexe Rekonstruktionsmethoden prägen unser Fach.
Doch sind wir damit am Ziel? Welche bedeutenden Entwicklungen liegen noch vor uns? Wo liegen die Herausforderungen und Chancen der modernen Kopf-Hals-Chirurgie?
Technische Innovationen in der Kopf-Hals-Chirurgie
Operative Pionierarbeit – etwa die Laryngektomie (Billroth, 1873), die Thyreoidektomie (Kocher, 1876) oder die Stapesplastik, erscheinen heute als historische Meilensteine. Doch die Entwicklung der Kopf-Hals-Chirurgie ist nie abgeschlossen. Fortwährend stoßen wir neue Türen auf. So erleben wir heute eine Ära technischer Innovationen und Integration die unser Fach verändern.
Individualisierte Implantate werden immer häufiger eingesetzt - in der Otologie und Somnologie sind sie fest etabliert und werden weitere Bereiche der HNO-Heilkunde umfassen, wie etwa in der Therapie von Riechverlust oder Stimmbandlähmung. Gleichzeitig eröffnen wir neue Perspektiven durch molekulare Rehabilitationsansätze, wie etwa eine lokale Gentherapie im Innenohr. Erste Pilotstudien zeigen, dass mikrochirurgisch eingebrachte Innenohrinjektionen vielversprechende Resultate bei bestimmten Formen genetisch bedingter Schwerhörigkeit oder Taubheit erzielen.
Doch Innovation beschränkt sich nicht allein auf Implantate oder Gentherapien. Der moderne HNO-Operationssaal ist heute mit Navigations- und Bildgebungstechnologie ausgestattet, welche die Sicherheit und Präzision steigern.
Sprachgesteuerte, (semi-)robotische Mikro-, Endo- oder Exoskope sowie neue Visualisierungstechniken (z.B. Narrow Band Imaging oder Autofluoreszenz) machen es möglich, intraoperativ den Differenzierungsgrad von Gewebe und dessen Grenzen noch exakter zu erfassen. Die Robotik erlaubt es uns, durch Miniaturisierung und innovative Darstellung bislang unzugängliche Regionen der oberen Luft- und Speisewege zu erreichen. In der Otochirurgie können wir das Gewebetrauma minimieren durch präzisere Bohrtrajektorien und einen gleichmäßigen Elektrodenvorschub. Die fortschreitende Automatisierung beispielsweise von Naht- und Adaptationstechniken spart Zeit und entlastet uns bei gleichzeitig hoher Präzision.
Vor genau zehn Jahren merkte Ashok Shaha (Sloan Kettering Cancer Center, NY) in seiner Festrede zur Wullstein Lecture auf der Jahrestagung in Düsseldorf kritisch an: Roboter sind mit Elektrizität verbunden – wohingegen Finger mit dem Hirn verbunden sind.
Damit adressierte er zwei zentrale Herausforderungen. Einerseits das damals noch fehlende haptische Feedback bei robotergestützten Eingriffen – ein Problem, das mit den neuesten Robotergenerationen zunehmend adressiert wird. Andererseits können Roboter (glücklicherweise) bislang noch keine eigenen Entscheidungen treffen - sie fungieren im Sinne des Master-Slave-Systems
. Doch mit der fortschreitenden Integration künstlicher Intelligenz rückt ein echter Offline-Modus
der Roboter näher – verbunden mit vielen ethisch-moralischen Fragen. Sind wir als Patienten wirklich bereit, uns Maschinen mit eigenständiger Handlungskompetenz anzuvertrauen?
Im Licht dieser Entwicklungen ist es wichtig, die Innovationskraft der europäischen Medizintechnik-Industrie zu fördern und zu erhalten. Wir sehen leider, dass Datenschutzvorgaben und die Europäische Medizinprodukte-Verordnung (MDR) viele Unternehmen vor große Probleme stellen. Gerade die lokalen medizintechnischen Standorte wie Oberkochen oder Tuttlingen verlangen einen Abbau bürokratischer Hürden. Die Unternehmen müssen sich heute mehr denn je auf die Entwicklung innovativer Produktlinien konzentrieren können. Wir appellieren deshalb an die Politik, die überbordende Bürokratie zu korrigieren und die Rahmenbedingungen zu verbessern. Wir müssen die technische Innovationskraft Made in Germany
fördern und für die nationalen sowie internationalen Märkte sichern.
Flankierende Maßnahmen
Wir betrachten heute die moderne Kopf-Hals-Chirurgie mit ihren technischen Innovationen nicht mehr isoliert. Sie ist Teil eines umfassenden Gesamtkonzepts, das auf optimale Behandlungsergebnisse abzielt – vor, während und nach der Operation. Prä- und Rehabilitation spielen eine zentrale Rolle. Besonders das interdisziplinäre ERAS-Konzept (Enhanced Recovery After Surgery
) bündelt das Wissen verschiedener Fachrichtungen. Folgerichtig werden wir noch intensiver interdisziplinär zusammenarbeiten, um die Sicherheit unserer Patienten zu erhöhen. Das gilt insbesondere bei komplexen und langwierigen Eingriffen wie in der Onkochirurgie.
Gerade hier erleben wir derzeit einen tiefgreifenden Wandel flankierender Maßnahmen. Mit Einsatz immunstimulierender Checkpoint-Inhibitoren vor einer Krebsoperation (neo /neo.html]adjuvante Keynote 689
) ist es für uns Kopf-Hals-Chirurgen unerlässlich, diese Substanzklassen und ihre Nebenwirkungen zu kennen – idealiter sogar selbst zu applizieren. Zu dieser Kenntnis gehört ein Wissens- und Kompetenzerwerb, beispielsweise in Form der Zusatzbezeichnung Medikamentöse Tumortherapie
.
Auch der bislang apodiktisch geforderte Sicherheitsabstand von 5 mm bei Tumoroperationen wird neu interpretiert werden müssen. Das gilt gerade im Kontext von Neoadjuvanz (OP in alten vs. neuen Grenzen) aber auch beim Vorliegen einer HPV-Infektion (scharfe Tumorgrenzen). Die Adjuvanz, als eine nach Operation durchgeführte Behandlung i.d.R. Bestrahlung, wird sich bezüglich der Dosisanwendung nicht nur an den Resektionsgrenzen orientieren, sondern auch zunehmend an zellulären / molekularen Merkmalen. Zudem werden innovative Marker die Entscheidung zwischen Operation und Strahlentherapie maßgeblich beeinflussen. Dabei ist uns bewusst, dass die in Leitlinien fixierten Entscheidungsprozesse im interdisziplinären Tumorboard durch neue Erkenntnisse und Parameter immer komplexer werden.
Interdisziplinäre Verzahnung
Die Entwicklung der Kopf-Hals-Chirurgie war lange geprägt von einer gewissen Abgrenzung (Claimbildung
) zu anderen chirurgischen Disziplinen. Heute wissen wir, dass jede Fachrichtung ihre eigenen, einzigartigen Entwicklungen vorantreibt. Umso wichtiger ist uns eine enge, interdisziplinäre Zusammenarbeit - gerade bei komplexen Behandlungsfällen.
Erfolgreiche Beispiele sind die 4-Hand-Technik in der komplexen Rhinobasis-Chirurgie (Neurochirurgie), die Kooperation mit der Ophthalmologie bei Orbita-Eingriffen oder die Zusammenarbeit mit MKG-Kollegen bei der Traumatologie des Mittelgesichts oder Onkologie. Lassen wir uns ein auf die Expertise unserer Nachbardisziplinen und arbeiten Hand in Hand
, so wird dies zum Vorteil unserer Patienten sein. Moderne Kopfzentren mit horizontaler Vernetzung und gemeinsamer Nutzung von Großgeräten definieren und fördern diese Entwicklung.
Ambulantisierung
Auch wenn hochkomplexe, interdisziplinäre Therapiekonzepte weiterhin stationär erfolgen, erleben wir in der Kopf-Hals-Chirurgie eine dynamische Entwicklung zur Ambulantisierung. Getrieben von ökonomischen Zwängen, einem Fachkräftemangel und internationalen Vorbildern, müssen wir sowohl unsere Strukturen als auch unsere Finanzierung anpassen. Um die ambulante Versorgung zu sichern, brauchen wir eine unterstützende Infrastruktur wie Patientenhotels oder Telemonitoring. Technische Hilfsmittel wie Smart Devices
könnten es zukünftig möglich machen, Patienten mit Drainagen früher zu entlassen, ohne Kompromisse bei der Sicherheit zu riskieren.
Kleinere Eingriffe waren von je her durch standardisierte Abläufe und geringe Komplikationsraten ambulant gut durchführbar, was sich auch auf die mittelgroßen Operationen ausweiten dürfte. Durch den zu erwartenden Wegfall vieler Belegabteilungen im Rahmen der Umsetzung des Krankenhausversorgungsverbesserungsgesetz (KHVVG) bzw. Krankenhausreformanpassungsgesetz (KHAG) dürften diese mitunter flankiert durch intersektorale Kooperationsmodelle in oder unter Organisation der Hauptabteilungen stattfinden. Herausfordernd bleibt die Integration der Ausbildung in den ambulanten Alltag, da diese zeitintensiv ist und bislang in diesem Setting nicht ausreichend abgebildet wird.
Ausbildung
Übung macht den Meister
, das Sprichwort, was bereits 1780 der Mediziner und Naturwissenschaftler Johann Heinrich Jung-Stilling in seiner Autobiografie erwähnte, können wir problemlos auf die chirurgische Ausbildung übertragen.
Auch in Zukunft brauchen wir gut ausgebildete Kopf-Hals-Chirurgen. Und die bekommen wir nur, wenn wir die Faszination der Kopf-Hals-Chirurgie frühzeitig an die nächste Generation weitergeben. Frühzeitig und überzeugend müssen wir unser Fach im Lehrcurriculum präsentieren – unterstützt durch unsere Arbeitsgruppe Lehren und Prüfen
. Dazu gehört auch eine gezielte Nachwuchsförderung durch Mentoring-Programme, die Gewährung von Kongressstipendien und die kostenfreie Teilnahme von Medizinstudierenden unter anderem an unserer Jahrestagung wie heute.
Gerade während der operativen Ausbildung muss uns die Frage leiten, was einen guten Kopf-Hals-Chirurgen/in auszeichnet? Das Geschlecht spielt hier sicher keine Rolle. Neben handwerklichem Geschick, binokularer Fusionsfähigkeit und räumlicher Wahrnehmung sind Neugier, Resilienz, Empathie und Demut ebenso wichtig wie Disziplin sowie kontinuierliche Aus- und Weiterbildung, motiviert durch inspirierende Vorbilder und unterstützt durch moderne Methoden wie 3D-Videopräsentationen, Augmented Reality und virtuelle Modelle.
Qualitätssicherung
Den Ausbildungsprozess muss eine offene Fehlerkultur begleiten. Denn Komplikationen können wir Mediziner und Chirurgen leider nie ganz verhindern. Ihre Vermeidung gelingt durch:
• sorgfältige Indikationsstellung,
• gewissenhafte Vorbereitung,
• persönlichen Patientenkontakt,
• Checklisten,
• ein Vier-Augen-Prinzip und
• Mindestzahlen…
Nationale (WiZen
) und internationale Studien belegen eindeutig - eine höhere OP-Anzahl führt zu besseren Ergebnissen. Das ist ein starkes Argument für die Zentralisierung spezialisierter Leistungen, wie dies durch aktuelle Reformgesetze vorgesehen ist (Capping
).
Der richtige Umgang mit Komplikationen – rechtzeitiges Erkennen und konsequentes Handeln – entscheidet oft über den Ausgang der Behandlung. Akzeptieren wir also Komplikationen als Zwischenstufen zum Erfolg und deren Vermeidung durch systematisches und lebenslanges Training!
Finanzierung
Über Geld spricht man nicht
– diese Maxime ist längst überholt. Spätestens seit Einführung des DRG-Systems hat der ökonomische Druck das Gesundheitssystem fest im Griff. Heute stehen wir vor einer problematischen Situation:
Die Schere zwischen unzureichender Finanzierung operativer Eingriffe (z.B. EBM, GOÄneu, Kurzzeitfallpauschalen) und steigenden Kosten für Personal und Material öffnet sich immer mehr. Das führt zwangsläufig zu einer Verknappung des Angebots, wie wir es bereits bei kinderchirurgischen HNO-Eingriffen erleben.
Effizienzsteigernden Maßnahmen wie kurze OP-, Wechsel- und Liegezeiten sind häufig ausgereizt, und auch der sparsame Materialeinsatz stößt an seine Grenzen. Innerhalb der Kliniken ist längst ein Verteilungskampf um knappe OP-Kapazitäten entbrannt, der mitunter den Versorgungsauftrag gefährden kann. Die Erfahrungen aus der Covid-Zeit haben uns gezeigt, wie anspruchsvoll Triage-Entscheidungen sind – eine Thematik, die uns auch in Zukunft begleiten wird und die politisch wie ethisch begleitet werden muss.
Trotz aller Ökonomisierung dürfen wir nie vergessen, unsere Patienten (lat. erduldend
) sind keine Kunden
. Sie haben als Leidtragende ganz besondere Bedürfnisse und Rechte, wie es Werner Hosemann bereits vor elf Jahren in seiner Präsidentenrede sehr schön dargestellt hat.
Evidenz
Jeder Patient hat das Recht auf eine Behandlung nach dem neuesten Stand der Wissenschaft und unter Berücksichtigung aktueller Leitlinien. John Ridge, Fox Chase Cancer Center, Philadelphia brachte es 2010 auf den Punkt: We show pictures, they show curves.
Was meinte er damit?
Während früher bei Kopf-Hals-Chirurgischen Vorträgen oft blutige Bilder dominierten, fehlte es an systematischen Ergebnissen – eine Lücke, die wir in unserem Fachbereich durch verschiedene Initiativen und Maßnahmen zunehmend schließen. Chirurgische Studien sind herausfordernd, von der Randomisierung bis zur Finanzierung, aber sie sind unerlässlich. Mit randomisierten Studien, etwa im onkologischen, rhinologischen oder otologischen Bereich, können wir unseren Patienten evidenzbasierte Therapiekonzepte anbieten. Chirurgisches Handwerk und Wissenschaft gehören zusammen – darüber werden wir auch in den diesjährigen Hauptreferaten mehr erfahren.
Zusammenfassung
Meine sehr verehrten Damen und Herren, fassen wir zusammen: Wir sind Heilkundler und Chirurgen!
Die Kopf-Hals-Chirurgie ist integraler Bestandteil unseres Fachs und bleibt durch technische Innovationen und begleitende Therapien ein faszinierendes Feld. Unsere Aufgabe ist es, diese Begeisterung an die nächste Generation weiterzugeben. Genießen Sie drei spannende Tage in Ulm! Lassen Sie sich inspirieren vom Motto unserer diesjährigen Jahrestagung: Faszination Kopf- und Hals-Chirurgie
– die Tagung ist hiermit feierlich eröffnet…
Anschrift des Verfassers:
Prof. Dr. med. Thomas K. Hoffmann
Präsident 2025/2026
Univ. HNO-Klinik
Frauensteige 12, D-89075 Ulm
Gender Erklärung: Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird die Sprachform des generischen Maskulinums angewendet. Es wird an dieser Stelle darauf hingewiesen, dass die ausschließliche Verwendung der männlichen Form geschlechtsunabhängig verstanden werden muss.
Bilder: magnific und Susann Bargas Gomez, Copyright: DGHNO-KHC, Universitätsklinikum Ulm/Matthias Schmiedel



